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Vietnam - Das verhängnisvolle Erbe des John F. Kennedy
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von Sven Parplies
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Südvietnam, 1. November 1963. Es ist fürher Nachmittag, als vor dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Saigon Panzer vorfahren. Soldaten beziehen Stellung. Ein Militärputsch! Staatspräsident Ngo-Dinh-Diem lehnt Verhandlungen mit den Verschwörern ab, ruft hektisch in der US-Botschaft an, wird dort aber kalt abgewiesen. Am Abend flieht Diem mit seinem Bruder Nhu durch einen Geheimgang. Am nächsten Tag werden beide von den Putschisten ermordet.
Im Weißen Haus in Washington tagt während dieser Vorkommnisse der Krisenstab. Auf dem Kabinettstisch liegen Stadtpläne von Saigon. Immer wieder treffen über Fernschreiber neue Meldungen ein. Der Staatsstreich kam für Präsident John F. Kennedy nicht überraschend. Seit Wochen hielt die US-Regierung Kontakt zu den Putschisten. Dennoch erschüttert die Nachricht von Diems Tod den Präsidenten: "Auf seinem Gesicht war ein solcher Audruck von Schock und Entsetzen, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte", erinnert sich Stabschef Maxwell Taylor später. Taylor selbst verzieht keine Miene. "Was hat er erwartet?", murmelt der General, als Kennedy aus dem Raum stürmt.
Drei Wochen später war auch John F. Kennedy tot. Bei einer Wahlkampftour durch Dallas schoss ihn ein Attentäter nieder. Der Krieg in Vietnam ging weiter. Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson fällte eine schicksalhafte Entscheidung: Er beorderte US-Truppen nach Vietnam. Der Konflikt weitete sich aus zur vielleicht schlimmsten Tragödie der amerikanischen Geschichte - zum moralischen Bankrott einer Großmacht, die mit Bomben ein kleines Land ins Elend stürzte und dabei seine eigenen Ideale verriet. Doch Vietnam war nicht allein Johnsons Krieg. Die Weichen hatte ein anderer gestellt: John F. Kennedy.
Für Millionen Amerikaner war Kennedy ein Hoffnungsträger. Jung, charmant, gebildet, voller Tatendrang und Idealismus, so hatte er sich stets in der Öffentlichkeit präsentiert. "Wir stehen an einer neuen Grenze - einer Grenze noch unbekannter Möglichkeiten und Wege, einer Grenze noch unerfüllter Hoffnungen und Bedrohungen", hatte Kennedy seinen Anhängern zugerufen. Die "Neue Grenze" wurde zum Leitgedanken vor allem der jungen Generation: Kampf gegen Armut, Rassendiskriminierung und Tyrannei, die Eroberung des Weltraums, das alles verhieß Kennedys kraftvolle Rhetorik. "Man spürte eine Erregung, wie sie von neuen Männern mit neuen Ideen ausgeht, das
Freisetzen von Energie ... einen Augenblick lang glaubten wir, die Welt ließe sich verändern und die Zukunft wäre ohne Grenzen", schärmte der Harvard-Historiker Arthur M. Schlesinger, den Kennedy als Berater ins Weiße Haus geholt hatte.
Kennedy regierte nur 1000 Tage: Die Invasion in der Schweinebucht, die Kubakrise, Martin Luther Kings Marsch auf Washington, der Bau der Berliner Mauer und ein sich verschärfender Konflikt in Vietnam fielen in diese Zeit. Nicht immer war Kennedys Krisen-Management erfolgreich. Die Invasion in der Schweinebucht endete als Desaster, die Passivität der US-Regierung beim Bau der Berliner Mauer verbitterte viele Westdeutsche. Dennoch war Kennedy ein populärer Präsident, und nach seinem Tod steigerte sich die Bewunderung
zum Heiligenkult. Doch es gab auch kritische Stimmen: Der Historiker Richard Walton etwa nannte Kennedy "den gefährlichsten kalten Krieger, den wir seit Ende des Zweiten Weltkrieges hatten".
1951 war Kennedy erstmals nach Vietnam gereist. Er war damals 34 Jahre alt und Mitglied des US-Repräsentantenhauses. Schon damals hatte der junge Mann aus Bosten, Sohn eines Multimillionärs, ein festes Ziel: Er wollte Präsident der USA werden. Und die Außenpolitik schien dazu der beste Weg. Schon damals wurde in Vietnam getötet. Ho-Chi-Minh (1890-1969), charismatischer Anführer der vietnamesischen Kommunisten, lenkte den Unabhängigkeitskampf gegen die Kolonialherrschaft der Franzosen. Kennedy räumte ihnen keine Chance ein, die Rebellion niederzuschlagen.
Im April 1954 sollte sich Kennedys Prognose bewahrheiten. In der Bergfestung Dien-Bien-Phu im Norden Vietnams kapitulierte nach erbittertem Kampf eine französische Eliteeinheit. Die Sieger hissten die rote Fahne mit dem gelben Stern - das Zeichen der vietnamesischen Kommunisten. Ho-Chi-Minh schien am Ziel seiner Träume: Ein Vietnam unter kommunistischer Führung war greifbar nah.
Doch der Einfluss der Großmächte war noch nicht gebrochen. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Sowjets, Chinesen, Engländer, Franzosen und Amerikaner - sie alle stritten um die Vorherrschaft in Südostasien. Auf einer Friedenskonferenz in Genf setzten sie die Teilung Vietnams entlang des 17. Breitengrades durch. Ho-Chi-Minh musste sich mit der Herrschaft im Norden begnügen. Dort errichteten seine Gefolgsleute mit Hilfe
von Sowjets und Chinesen eine "Volksdemokratie": Wer sich der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft widersetzte, wurde abgeurteilt. Über eine Million Vietnamesen flohen in den Süden, wo sich dank US-Unterstützung das prowestliche Regime von Staatspräsident Ngo-Dinh-Diem durchsetzte.
Für den damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower war Vietnam ein Schlachtfeld des Kalten Krieges, ein Kampf zwischen Demokratie und Kommunismus, zwischen Freiheit und Diktatur. Damals diktierte die "Domino-Theorie" die amerikanische Außenpolitik: Ein Sieg der Kommunisten in einem Land werde den Zusammenbruch der ganzen Region nach sich ziehen, glaubten die Strategen im Weißen Haus.
Der erste Dominostein in Südostasien war bereits gefallen: Maos Kommunisten hatten die Macht in China übernommen. Jetzt stand Vietnam auf dem Spiel und nach Überzeugung der US-Regierung auch die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Deshalb unterstützte Eisenhower Diem mit Geld und Waffen. Dass dessen Regime wenig von Demokratie hielt und Oppositionelle ähnlich brutal unterdrückte, wie es die Kommunisten im Norden taten, schien Washington nicht zu belasten: "In den Augen der meisten Amerikaner", urteilt der Historiker und Vietnamexperte George Herring, "machte der rigorose Antikommunismus des Präsidenten (Diem) seine sonstigen Unzulänglichkeiten mehr als wett." Schon bald zeigte sich, dass die USA Südvietnam nicht stabilisieren konnten. Während Ho-Chi-Minh von der Propaganda des Nordens als "Onkel Ho" verklärt und als Befreier auch im Süden immer populärer wurde, wuchs der Druck
auf das Regime Diems. Dieser stützte seine Herrschaft fast ausschließlich auf die Armee und eine kleine katholische Oberschicht. In der zu 90 Prozent buddhistischen Bevölkerung hatte Diem nur eine schmale Basis. In seiner Regierung vertraute er vor allem auf seinen Familien-Clan mit seinem Bruder, dem despotischen Sicherheitschef Ngo-Dinh-Nhu.
Die wirtschaftliche und sozialen Spannungen Südvietnams mündeten Ende der 50er Jahre in einen Bürgerkrieg. Zunächst waren es vereinzelte Übergriffe südvietnamesischer Kommunisten, die in der Landbevölkerung Sympathisanten anwarben und Anschläge verübten. Immer größer wurden die Gebiete, in denen die Regierung die Kontrolle verlor. Ab 1960 erhielten die Rebellen Unterstützung von Guerilla-Kämpfern Ho-Chi-Minhs, die zu Tausenden in den Süden einsickerten.
Auf politischer Ebene schlossen sich die Widerstandsgruppen Südvietnams in der Nationalen Befreiungsfront FNL (Front National de Libération du Vietnam-Sud) zusammen, die von Kommunisten bestimmt wurde, aber auch im Bürgertum, bei Buddhisten und Mitgliedern einflussreicher Sekten Unterstützung fand. Die FNL, im Westen als Vietcong (vietnamesische Kommunisten) bezeichnet, forderte den Rücktritt Diems, eine Landreform zugunsten der Kleinbauern und die Wiedervereinigung Vietnams.
Trotz massiver US-Unterstützung - der Sturz der Regierung in Saigon schien nur noch eine Frage der Zeit. Als der Republikaner Eisenhower im Januar 1961 die Amtsgeschäfte an den Demokraten John F. Kennedy übergab, mahnte er seinen Nachfolger, eine Ausbreitung des Kommunismus in Südostasien unbedingt zu verhindern. Wie dieses Ziel erreicht werden solle, sagte Eisenhower nicht.
John F. Kennedy war mit 43 Jahren der jüngste gewählte Präsident in der Geschichte der USA. Er trat an mit dem Versprechen, Amerika aus der politischen Lethargie zu befreien. In der Außenpolitik setzte der neue Mann freilich auf Bewährtes: auf kompromisslosen Antikommunismus. "Jede Nation, ob sie uns gut oder böse will, soll wissen, dass wir jeden Preis zahlen, jede Last tragen, jedes Opfer bringen, jeden Freund unterstützen, uns aber jedem Feind widersetzen werden, um den Fortbestand und den Erfolg der Freiheit zu sichern", gelobte Kennedy in seiner Antrittsrede.
Als junger Abgeordneter hatte sich Kennedy gegen eine Militärhilfe für französischen Kolonialherren ausgesprochen: Damit könne man keinen "Feind besiegen, der überall und nirgends ist, einen Feind ..., der die Sympathie und heimliche Unterstützung des Volkes hat." Prophetische Worte, an die sich Kennedy später nicht mehr erinnern wollte. Für ihn waren die USA in Vietnam keine Kolonialmacht wie zuvor die Franzosen, sondern ein Freund, der das Land im Kampf gegen die Kommunisten unterstützte. Und wie Eisenhower glaubte Kennedy an die Domino-Theorie.
Um seine Entschlossenheit zu demonstrieren, schickte Kennedy Vizepräsident Lyndon B. Johnson nach Saigon. Der Texander glaubte fest an die strategische Bedeutung Vietnams: Würden die USA dort das Handtuch werfen, müssten sie ihre Verteidigungslinie bis nach San Francisco zurückziehen, warnte er. Um diese Zeit startete Kennedy einen geheimen Untergrundkrieg: Südvietnamesische Agenten, ausgebildet und bewaffnet durch den CIA, drangen nach Nordvietnam ein, um dort Verkehrsverbindungen, Fabriken und Militäreinrichtungen zu sabotieren.
Trotz aller Aktivität gab es in der US-Regierung unterschiedliche Vorstellungen, wie der Konflikt beendet werden könne. Die Armeeführung drängte, Truppen nach Südvietnam zu entsenden. Dies sei der einzige Weg, die kommunistische Unterwanderung zu stoppen. Zivile Berater waren für einen geordneten Rückzug: Es sei zweifelhaft, ob Diems Regime überhaupt eine Überlebenschance habe, egal wie intensiv es von den USA unterstützt werde. Der beste Weg sei deshalb über Verhandlungen mit der Sowjetunion eine diplomatische Lösung anzustreben.
Kennedy wählte einen Mittelweg, der langfristig fatale Folgen hatte: Er ordnete an, die Zahl der Militärberater zu erhöhen, die Finanzhilfe aufzustocken und die Waffenlieferungen auszuweiten. Dadurch verstrickte er die USA immer tiefer in den Konflikt. Die Zahl der Militärberater stieg in zweieinhalb Jahren von rund 700 auf etwa 16.500. Offiziell sollten die Amerikaner lediglich Südvietnamesen ausbilden, damit diese sich selbst verteidigen konnten.
Tatsächlich griffen US-Soldaten als Piloten in Hubschraubern und Bombern aktiv in den Krieg ein. Diese Verwicklung der "Ausbilder" in die Kämpfe wurde vom Weißen Haus zunächst geleugnet, später verharmlost. Die Ausbildung der Südvietnamesen finde manchmal unter "Kampfbedingungen" statt, erklärte Verteidigungsminister Robert McNamara auf einer Pressekonferenz. Doch bereits unter Kennedy starben 78 US-Soldaten im vietnamesischen Dschungel, über 500 wurden verletzt. Schon damals setzten US-Piloten Napalm und Landminen ein.
Das größte Problem blieben Staatspräsident Diem und dessen Bruder Nhu, die hartnäckig demokratische Reformen verweigerten. Das von Vetternwirtschaft und Korruption bestimmte Regime machte es der FNL leicht, unzufriedene Männer und Frauen anzuwerben. Im Januar 1962 rief Kennedy ein Spezialprogramm zur Bekämpfung der Guerillas ins Leben. Zentraler Punkt war die Errichtung so genannter Wehrdörfer: Bewohner aus gefährdeten Gebieten sollten in befestigte Dörfer umgesiedelt werden, wo sie der Propaganda der FNL entzogen waren. Gezielte Förderprojekte sollten die Lebensverhältnisse in diesen Dörfern verbessern, um so "Herz und Verstand" der Menschen zu gewinnen.
Das in der Theorie viel versprechende, in Malaysia erfolgreich erprobte Modell erwies sich in Vietnam als Fehlschlag. Ein großer Teil des von den USA bereitgestellten Geldes versackte in den dunklen Kanälen der Saigoner Verwaltung und erreichte die Bauern nicht. Und die zwangsweise Umsiedlung in die Wehrdörfer versärkte den Hass auf die Regierung.
Ein buddhistischer Mönch war es schließlich, der das Ende Diems einleitete. Der Mann hieß Quang Duc. Am 11. Juni 1963 setzte er sich im Berufsverkehr von Saigon auf einer Straßenkreuzung nieder. Ein zweiter Mönch übergoss ihn mit Benzin und entzündete ein Streichholz. Zehn Minuten loderten die Flammen, dann sackte der verkohlte Körper Quang Ducs auf dem Asphalt zusammen. Die Bilder der Selbstverbrennung gingen um die Welt. Kennedy sah sie beim Frühstück im Weißen Haus, als sein Blick auf die Morgenzeitungen fiel. "Jesus Christus", entfuhr es ihm. Madam Nhu, die Schwägerin Diems, sprach öffentlich von einem "Barbecue" und steigerte damit die Wut der Menschen.
Der Bürgerkrieg in Südvietnam trat in eine neue Phase. Lange war der Widerstand von der kommunistisch beeinflussten Landbevölkerung getragen worden - jetzt griffen die Unruhen auf die Städte über. Auslöser waren Demonstrationen südvietnamesischer Mönche, die im Mai 1963 den 2527. Geburtstag Buddhas feiern wollten. Diem sah darin eine Provokation, Madame Nhu beschuldigte die Mönche der Konspiration mit den Kommunisten. Als bei einer Kundgebung in der alten Kaiserstadt Hué die in Südvietnam verbotenen Fahnen der Buddhisten gezeigt wurden, schoss Nhus Sicherheitspolizei in die Menge. Neun Demonstranten wurden getötet. Die Unruhen breiteten sich aus, Studenten schlossen sich den Mönchen an, in der Armee gärte es.
Im Herbst 1963 stand Kennedy vor den Trümmern seiner Vietnam-Politik. In zweieinhalb Jahren war es ihm nicht gelungen, die Regierung in Saigon zu stabilisieren. Im Gegenteil: Die kommunistischen Untergrundkämpfer hatten ihren Einfluss ausbauen können. Auch innenpolitisch stand Kennedy unter Beschuss: Die Oppostition warf ihm Versagen vor. Im Weißen Haus wuchsen die Spannungen, denn der Präsident und seine Berater konnten sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen. Justizminister Robert Kennedy, der Bruder des Präsidenten, stellte die Schlüsselfrage: ob es nicht die beste Lösung für die USA wäre, sich aus Vietnam zurückzuziehen.
Tatsächlich gab es im Sommer 1963 Ansatzpunkte für eine friedliche Lösung. Nach dem Schock der Kuba-Krise hatte sich das Verhältnis zwischen den USA und der UdSSR entspannt. Beide Seiten einigten sich auf ein Abkommen zum Stopp von Atomtests. Der Bruch zwischen der Sowjetunion und China verbesserte die strategische Position der USA. Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle bot sich als Vermittler in Vietnam an. Doch Kennedy winkte ab und schwenkte auf Konfrontationskurs mit dem Diem-Clan. Nicht nur das skrupellose Vorgehen gegen Demonstranten verärgerte Washington. Für Wirbel sorgten CIA-Berichte, wonach Diems Bruder Nhu Kontakt mit der Regierung in Nordvietnam aufgenommen hatte, um über eine Wiedervereinigung des Landes zu
verhandeln. Und im August 1963 holte das Diem-Regime zu einem neuen Schlag gegen die Opposition aus.
Südvietnamesische Spezialeinheiten, ausgerüstet mit US-Waffen, stürmten in zahlreichen Städten die buddhistischen Tempelanlagen. Allein in Hué wurden 30 Menschen getötet, mehr als 200 verwundet. Wenige Tage später nahm eine Gruppe südvietnamesischer Generäle Kontakt zum CIA auf. "Die Armee ist bereit den Präsidentenpalast zu übernehmen, sie scheint nur auf ein Nicken der Amerikaner zu warten", meldete der Geheimdienst nach Washington.
Dort traf die Nachricht der Putschpläne an einem Wochenende ein. Kennedy erholte sich gerade auf dem Feriensitz seiner Familie in Hyannis Port, McNamara war zum Bergsteigen in Wyoming. Im Weißen Haus ergriffen die Spitzen des Außenministeriums die Initiative. Nach Absprache mit Kennedy instruierten sie den US-Botschafter in Saigon, Henry Cabot Lodge. Dieser solle Diem auffordern, Sicherheitschef Nhu zu entlassen und die Repressalien gegen die Buddhisten aufzuheben. Falls sich Diem weigere, habe Lodge freie Hand: "Sie werden verstehen, dass wir Ihnen aus Washington keine genauen Instruktionen geben können ..., aber Sie sollten wissen, dass wir jede Aktion billigen, die hilft, unsere Ziele zu erreichen", hieß es in dem Fernschreiben - grünes Licht für den Staatsstreich.
Damit hatte die US-Regierung nur scheinbar eine klare Position bezogen: Das Kabinett war tiefer denn je zerstritten. Am folgenden Montag gerieten die Präsidentenberater aneinander. Verteidigungsminister McNamara, der nicht rechtzeitig über das Fernschreiben informiert worden war, fühlte sich hintergangen. Wie andere Kabinettsmitglieder glaubte er, es gebe keine Alternative zu Diem. Ein Putsch würde das Chaos in Südvietnam nur vergrößern und die Wahrscheinlichkeit eines Sieges der Kommunisten vergrößern. "Mein Gott, mein Kabinett bricht auseinander", raunte Kennedy in einer Sitzungspause.
Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Berater auf den Kurs vom Wochenende einzuschwören. Dann aber zögerten plötzlich die südvietnamesischen Generäle. Als im Oktober 1963 die Putschpläne konkrete Formen annahmen, stritten in der Kennedy-Regierung wieder die Gegner und Beführworter eines Staatsstreiches. Entsprechend unverbindlich klang diesmal die Anweisung an Botschafter Lodge: Die USA wollten nicht zu einem Staatsstreich ermuntern, hätten aber auch nicht die Absicht, einen solchen zu verhindern.
Kennedy blieb bis zuletzt unsicher. Sollte der Putsch scheitern, würde die Verstrickung der USA offenbar. Diem würde die Kooperation mit Washington kündigen, ein Sieg der Kommunisten in Vietnam wäre unausweichlich. Und das knapp ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen! Doch auch ein erfolgreicher Putsch bot keine Garantie für mehr Stabilität. Das Risiko war groß, und Kennedy dachte pragmatisch: Er "wäre Diem gerne losgeworden, wenn er jemand Passenden bekommen konnte, um ihn zu ersetzen. Er war dagegen, ihn loszuwerden, ehe man nicht wusste, was danach kommen würde", beschrieb Robert Kennedy später die Haltung seines Bruders.
Der Präsident gab also keine direkte Anweisung, sondern überließ die Initiative seinem Botschafter in Saigon. Und Lodge, das wusste Kennedy, wollte den Sturz Diems. Durch den Geheimdienst stand der Botschafter in engem Kontakt mit den Verschwörern. "Ein Putsch steht offenbar kurz bevor", meldete Lodge am 29. Oktober nach Washington. Und: Die letzten Fernschreiben an die US-Botschaft waren nicht mehr von Kennedy unterzeichnet worden, sondern von Sicherheitsberater McGeorge Bundy. Es sollte keine schritlichen Spuren zum Präsidenten geben.
In einem Gespräch mit dem New Yorker Kardinal Francis Spellman, lange Zeit prominenter Fürsprecher Diems in den USA, gab Kennedy später zu, er habe gewusst, dass der Staatspräsident von den Putschisten wahrscheinlich getötet würde, sich aber außer Stande gesehen, die Geschehnisse zu kontrollieren. Der Historiker Herbert Parmet konnte mittlerweile belegen, dass der US-Präsident mindestens einen Versuch unternahm, Diem zu warnen. Kennedy Schickte einen engen Freund, den Kongress-Abgeordneten Torbert Macdonald, in geheimer Mission nach Saigon. Macdonald habe zu Diem gesagt: "Die werden Sie töten. Sie müssen da vorübergehend raus und in der amerikanischen Botschaft Schutz suchen."
Diem jedoch, blind für die Zustände in seinem Land, ignorierte die Warnung. Es war sein Todesurteil. "Es ist wahrscheinlich, dass keiner der amerikanischen Repräsentanten Diems Tod wünschte", urteilt der Historiker Thomas Reeves. Kennedy aber habe es versäumt, bei den Putsch-Absprachen sein Einverständnis davon abhängig zu machen, dass das Leben Diems verschont werde.
Mit dem Staatsstreich gegen Diem stürzten die Verschwörer Südvietnam endgültig ins Chaos. Allein 1964 wurde die Regierung in Saigon sieben Mal durch gewaltsame Eingriffe der Armee umgebildet. Kennedys Nachfolger Johnson schickte, um den Zusammenbruch des Bündnispartners zu verhindern, Truppen nach Vietnam und gab damit dem Engagement in Südostasien eine neue Dimension - die USA trugen jetzt selbst die Hauptlast des Krieges. Während die Luftwaffe Ziele im Norden bombardierte, versuchten amerikanische Bodentruppen im Dschungel die Kämpfer der FNL zu stellen. bis Januar 1969 stieg die Zahl der US-Soldaten in Vietnam auf 543.000 Mann. Trotz drückender materieller Überlegenheit gelang es ihnen nicht, den Widerstand der FNL und Nordvietnams zu brechen.
Am Morgen des 31. Januar 1968, dem Tag des vietnamesischen Neujahrsfestes Tet, verwüstete eine Bombe die US-Botschaft in Saigon. Zeitgleich stürmten über 80.000 Guerilla-Kämpfer die Städte Südvietnams. Washington wurde von der Offensive überrascht, und die amerikanische Öffentlichkeit reagierte geschockt. Johnson hatte stets betont, ein Sieg sei greifbar nah - die Bilder der Straßenkämpfe bewiesen das Gegenteil. Die Glaubwürdigkeit des Präsidenten war ruiniert, der Widerstand gegen den Krieg wuchs.
Mit John Lennons Hymne "Give peace a chance" forderte vor allem die Jugend immer energischer einen Rückzug der USA aus Vietnam. Berichte über Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten heizten die Stimmung zusätzlich auf. Wegen der Proteste in der Heimat und der militärischen Rückschläge an der Front verzichtete Johnson im März 1968 auf eine erneute Kandidatur. Und sein Nachfolger Richard Nixon glaubte nicht an den Sieg, er wollte einen "ehrenhaften Frieden". Schrittweise zog er die US-Soldaten aus Vietnam ab, intensivierte aber die Luftangriffe, um Nordvietnam bei den Friedensgesprächen in Paris unter Druck zu setzen.
Als im Januar 1973 endlich ein Waffenstillstand vereinbart wurde, war für die USA der Krieg beendet, doch die südvietnamesische Regierung hatte ohne amerikanische Untersützung keine Zukunft. Nach einer Feuerpause flammten die Kämpfe wieder auf. Am 1. Mai 1975 marschierte die nordvietnamesische Armee in Saigon ein. Die US-Regierung konnte mit Mühe die letzten Amerikaner aus der Stadt evakuieren. Ihre Südvietnamesischen Verbündeten wurden zurückgelassen und der Rache der Sieger ausgeliefert. Im Vietnamkrieg starben 58.000 US-Soldaten. Rund zwei Millionen Vietnamesen wurden getötet.
Bis heute hält sich die Legende, Kennedy habe die Militärberater nach dern Wahl 1964 aus Vietnam abziehen und eine Eskalation des Krieges verhindern wollen. Sie basiert auf einem angeblichen Gespräch Kennedys mit seinem Berater Kenneth O'Donnell und Senator Mike Mansfield. "1965 werde ich einer der unpopulärsten Präsidenten der Geschichte werden. Alle werden mich beschuldigen, ich würde die kommunistische Bedrohung verharmlosen. Aber das ist mir egal. Wenn ich jetzt versuchte, alles aus Vietnam abzuziehen, würden wir eine neue Panik vor den Roten provozieren ..., aber nach meiner Wiederwahl kann ich das riskieren", zitierte O'Donnell Ende der 60er-Jahre den Präsidenten.
Solche Pläne, wenn es sie wirklich gegeben hat, wären an Zynismus kaum zu überbieten. Man stelle sich vor: Der Präsident deckt einen Staatsstreich, zieht einen Krieg in die Länge und nimmt damit den Tod von Tausenden Menschen in Kauf - nur um seine Wiederwahl nicht zu gefährden! Robert Kennedy, der engste Vertraute seines Bruders, erklärte nach dessen Tod, von einem Rückzug sei nie die Rede gewesen. Der Präsident sei entschlossen gewesen, in Vietnam zu siegen.
Er hinterließ seinem Nachfolger in jedem Fall ein explosives Erbe. Vietnam war wirtschaftlich unbedeutend, ein kleiner Nebenschauplatz des Kalten Krieges. Doch Kennedys scharfe Rhetorik und sein undifferenzierter Antikommunismus ketteten das Prestige der USA an den Kriegsverlauf in Vietnam. Dadurch schränkte der Präsident den Handlungsspielraum seiner Regierung erheblich ein: Er musste in Vietnam Stärke demonstrieren! Darum intensivierte er die Waffenlieferungen an Saigon, deshalb schickte er immer mehr Militärberater in den Dschungel, deshalb ignorierte er im Sommer 1963 den Vermittlungsvorschlag der Franzosen und vergab die Chance, den Konflikt friedlich zu beenden.
"Ein Großteil der Tragödie, die sich dann unter Lyndon B. Johnson entwickelte, lässt sich zu den von der Kennedy-Administration konzeptionell und faktisch geschaffenen Voraussetzungen zurückverfolgen", urteilt der Historiker Reeves.
Der Krieg in Vietnam - er ist Kennedys finsteres Vermächtnis.
Erschienen im P.M. History: Ausgabe 6/2001
© bei GRUNER + JAHR AG & CO
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung vom Gruner + Jahr AG & Co Verlag
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