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Der geheime Jesus

von P.J. Blumenthal




Die vier Evangelien, die wir heute kennen, waren lange Zeit nur vier Schriften unter vielen. Es gab zahllose Evangelien und Berichte über Jesus und die Apostel - erstaunliche Geschichten, kluge Geschichten, aber auch irritierende. Sie galten als wahr, bis die Kirche diese so genannten Apokryphen verbot. Doch sie wirken bis heute weiter. Mehr, als wir glauben.


Kennen sie Jesus, das Enfant terrible? Er war fünf Jahre alt, als er eines Tages an einem Bach spielte und zum Spaß das vorbeirauschende Wasser mit bloßer Willenskraft in kleine Teiche umleitete. Ein Nachbarjunge schaute eine Weile zu, doch dann nahm er einen Weidenzweig und fegte das sorgfältig angesammelte Wasser aus den Teichen. "Du Dummkopf!", schrie der kleine Jesus. "Was haben dir denn die Teiche getan? Jetzt wirst auch du verdorren!" Der Junge fiel auf der Stelle tot um, und Jesus ging nach Hause. Das war aber nur der Anfang. Einige Tage später bummelte der kleine Jesus durch das Dorf Nazareth. Als ein Kind ihn anrempelte, wurde Jesus wütend. "Du sollst deinen Weg nicht fortsetzen!", fauchte er. Auch dieser Junge starb.


Lukas, der Evangelist, berichtet, dass Jesus in einem Stall in Bethlehem geboren wurde. Das Protoevengelium des Jakobus dagegen behauptet, Jesus kam in der Nähe von Bethlehem in einer Höhe zur Welt. Erst Tage später versteckten Maria und Joseph das Kind in einem Stall - um es vor der Verfolgung des Herodes zu schützen.     Jesus



Die Menschen im Dorf waren entsetzt und wandten sich an den Zimmermann Joseph, damit er den Jungen endlich zur Rechenschaft ziehe - was Joseph dann auch tat. Doch der kleine Jesus tobte nun erst recht und machte alle blind, die sich über ihn beschwert hatten.

Jetzt war das Maß voll. Joseph zog dem Jungen die Ohren lang, so fest, dass Jesus laut heulte. "Genug, genug!", schrie das Kind - und beklagte sich bitter darüber, dass man ihm Unrecht tue ...

Das ist ein Jesus, wie man ihn heute nicht mehr kennt. Vor achtzehnhundert Jahren jedoch kursierten in den urchristlichen Gemeinden viele solcher Geschichten über den Erlöser als bösen Buben. Zu lesen waren diese und ähnliche Geschichten u.a. im "Kindheitsevangelium des Thomas"; der Name des Autors suggeriert, der Apostel Thomas hätte sie höchstpersönlich niedergeschrieben.

Dieses "Evangelium" zählt zu den so genannten Apokryphen (griech.: "verborgen", "geheim"), die in Form von Briefen, Evangelien, "Akten" und Apokalypsen die Runde machten. Fast immer trugen sie den Namen eines Apostels als Autor, um auf diese Weise die Zuverlässigkeit der Quelle zu untermauern. Sie entstanden und zirkulierten zu einer Zeit als noch offen war, welche Texte als unmittelbares Zeugnis der Heilsgeschichte gelten sollten. Wie viele solcher Schriften es gab, wissen wir nicht. Namentlich bekannt sind mehr als einhundert, es waren aber sicherlich mehr.

Eines hatten sie alle gemeinsam: Sie befriedigten den Wunsch, mehr zu erfahren über Jesus und die Menschen, die ihn umgaben. Ein Wunsch, der nichts an Intensität verloren hat, nur die Namen haben sich geändert. Heute sind es Hollywood-Stars, Models, Prinzen und Prinzessinen, über die man möglichst viel erfahren will, in allen Einzelheiten - um sie (scheinbar) besser kennen zu lernen und ihnen auf diese Weise näher zu sein.

So war es auch damals mit den "Superstars" der ersten Christen: Jesus und seinen Aposteln. Zwar genossen die Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes wie auch die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus bereits eine gewisse Autorität. Aber was sie berichteten, klang doch eher nüchtern und leidenschaftslos. Es mochte ja stimmen - aber man wollte Geschichten hören, die aufregend waren, spannend, zu Herzen gehend und - man hört es ja immer wieder gern - auch ein bisschen skandalös. Eben dies boten die Apokryphen.

Zum Beispiel das "Protoevangelium des Jakobus", ein Werk aus dem 2. Jahrhundert, das die Neugier (nach dem Motto: "Wie war denn das genau?") befriedigte und den Eltern Jesu, Maria, und Joseph, mehr Farbe verlieh. Nicht in einem weihevollen Rahmen, wie es die offiziellen Evangelien tun, sondern als eine Geschichte, in der Menschen auftraten, deren Gedanken, Ängste und Hoffnungen irgendwie vertraut klangen:

Maria war gerade 16 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Sie war noch jungfräulich und konnte sich nicht erklären, was mit ihr geschehen war - denn die Verkündigung des Engels, dass sie von Gott ein Kind empfangen werde, hatte sie vergessen. Sie lebte in großer Angst; und je dicker ihr Bauch wurde, desto mehr schämte sie sich. Bald traute sie sich nicht mehr, auf die Straße zu gehen. Dazu kam, dass sie mit niemanden darüber reden konnte, nicht einmal mit ihrem Vormund, dem Zimmermann Joseph. Der arbeitete seit einigen Monaten auf einer weit entfernten Baustelle.

Joseph, inzwischen 90 Jahre alt, war Witwer und hatte vier erwachsene Söhne und zwei Töchter (so wird hier elegant die alte Streitfrage beantwortet, ob Jesus Geschwister hatte oder nicht: Es waren Stiefbrüder und -schwestern). Vier Jahre zuvor hatte Joseph auf Bitten des Tempels von Jerusalem Maria als sein Mündel aufgenommen.

Nun endlich, Maria war bereits im sechsten Monat, kehrte er von der Baustelle heim. Natürlich bemerkte er sofort Marias Zustand. "Mein Gott! Mädchen, was hast du getan?!"
"Ich bin rein!", beteuerte Maria und weinte. "Ich hatte wirklich keinen Freund."
"Und woher kommt das?" Joseph zeigte auf ihren Bauch.
"Ich weiß es nicht, wirklich!" Maria schluchzte, wie sollte sie erklären, was sie selber nicht verstand?
Joseph war ziemlich aufgebracht, nicht ohne Grund. Immerhin sah es so aus, als hätte er sich an seinem Mündel vergriffen. Erst durch einen Traum ließ sich Joseph beruhigen. Eine Engelsstimme versicherte ihm, dass Maria durch den Heiligen Geist schwanger geworden sei. Das Mädchen sei also noch immer jungfräulich. Nun war Joseph erleichtert und bereit, seinem Mündel Beistand zu leisten.

Die Aufgabe der Apokryphen war jedoch nicht nur, schön ausgemalte Geschichten zu liefern, um die Leser oder Zuhörer zu fesseln, sondern sie sollten auch bestimmte Aussagen im Publikum fest verankern. In diesem Fall geht es um Marias Jungfräulichkeit, die deshalb so wichtig ist, weil sie die Besonderheit Jesu unterstreicht. Und wenn sich etwas einprägen soll, dann verbindet man es - nicht erst seit Hollywood - am besten mit einem dramatischen Ereignis. So macht es auch der Autor des Protoevangeliums.

Er berichtet, ebenso wie der Evangelist Lukas, über die von Kaiser Augustus verfügte Volkszählung und dass sich Joseph mit Maria nach Bethlehem in Judäa begibt, doch dann ändert sich die Geschichte: Joseph ging zu Fuß und führte einen Esel, auf dem die hochschwangere Maria saß; ihr folgten die Söhne Josephs. Es war heiß, die Straße staubig - für Maria in ihrem Zustand eine äußerst beschwerliche Reise. Sie hatte etwa die Hälfte des Weges nach Bethlehem zurückgelegt, als Maria plötzlich vor Schmerzen stöhnte. Die Wehen hatten eingesetzt.

Zum Glück entdeckte Joseph eine Höhle; dorthin brachte er Maria und ließ sie in der Obhut seiner Söhne zurück, denn er musste sich nun dringend auf die Suche nach einer Hebamme machen. Er fand tatsächlich eine, ganz zufällig, und war sehr froh darüber. Schwierig war allerdings, ihr die Situation plausibel zu erklären. Maria und er seien zwar nicht verheiratet, gestand er der Hebamme vertraulich, trotzdem sei sie schwanger - aber nicht von ihm, sondern vom Heiligen Geist, deshalb sei sie noch immer Jungfrau. Die Hebamme musterte ihn skeptisch, entschied sich dann aber doch, Joseph zu begleiten.

Als sie die Höhe erreichten, sahen sie zu ihrem Erstaunen eine leuchtende Wolke vor dem Eingang. Die beiden traten rasch ein, und dann geschah es: Plötzlich erstrahlte die Höhle in einem blendenden Licht: Jesus war geboren - und lag an der Brust von Maria! Die Hebamme staunte über dieses Wunder, und als sie die Höhle verließ und ihre Freundin Salome traf, erzählte sie ihr, was sie gerade erlebt hatte. Eine jungräuliche Geburt? Salome konnte das nicht glauben. Sie ging mit der Hebamme in die Höhle zurück und untersuchte ("unter Anlegen ihres Fingers", wie es im Original heißt) den Zustand Marias. Da schrie sie auf und zog blitzschnell ihre Hand zurück, sie hatte unerträgliche Schmerzen und befürchtete, dass ihre Hand abfiel. Salome bat flehentlich, ihr zu verzeihen, dass sie auch nur einen Augenblick an Marias Jungfräulichkeit gezweifelt hatte. Ein Engel rief ihr zu, sie solle ihre Hand auf das neugeborene Kind legen. Salome tat es - und wurde sogleich geheilt.


Jesus     Jesus



Die Botschaft ist klar: Maria war eine Jungfrau! Wer's nicht glaubt, der wird bestraft. Lässt man sich jedoch eines Besseren belehren (wie Salome), wird einem vergeben.

Die Androhung von Strafe für Zweifler oder gar Ungläubige ist seit je eine wirksame Methode. Zumindest hinterlässt sie einen starken Eindruck. So sind auch die zahllosen Geschichten zu erklären, in denen der kleine Jesus reihenweise Kinder, Frauen und Männer tötet, verstümmelt oder erblinden lässt: Sie alle haben seine Göttlichkeit nicht respektiert - deshalb werden sie bestraft. Aber er heilt auch und hilft schwachen Menschen. Warnung also für die Respektlosen - und Hoffnung für die Gläubigen.

Zurück zu Jesu Geburt: Nicht im Stall einer Herberge ("... denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge" - Lukas), sondern in einer Höhle kam der Erlöser zur Welt - heißt es im "Protoevangelium des Jakobus". Auch andere Apokryphen berichten, dass Jesus in einer Höhle geboren wurde.

Lange Zeit erzählte man sich die eine oder andere Version; am beliebtesten waren jene Geschichten, die spannend berichteten, z.B. über die Flucht vor Herodes nach Ägypten, was alles dabei passierte und wie sie den Soldaten, die sie verfolgten, durch wunderbare Ereignisse entkamen.

Oder es sind Geschichten, die man ein bisschen "verschönerte", damit sie besser ankamen. Beispiel: Lukas berichtet kurz und trocken, dass der 12-jährige Jesus während eines Aufenthalts in Jersualem ohne Wissen der Eltern in den Tempel ging. Joseph und Maria suchten ihn, und "nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel sitzend mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte".

Nur zuhören und fragen? Das war zu wenig, da musste man dringend eins draufsetzen. Und so berichtet das "Arabische Kindheitsevangelium", dass einer der Lehrer Jesus fragte: "Mein liebes Kind, weißt du etwas über Medizin?" Prompt hielt der 12-jährige eine geschliffene Rede über "die Physik und die Hypophysik ...
über die Kräfte der Körper und der Temperamente" bis hin zu den Akten "der reizbaren und der lüsternen Begierde". Am Ende saßen alle Gelehrten mit offenem Mund da, die Überraschung war gelungen. Und der Lehrer, der ihn gefragt hatte, warf sich dem Jungen vor die Füße und erklärte: "Herr, von jetzt an bin ich dein Jünger und dein Diener!"

Geschichten wie diese gab es zuhauf. Fast 200 Jahre dauerte es, bis man es schaffte, aus der Fülle der Berichte einen offiziellen Kanon (griech.: "Glaubensregel"), den "canon muratori", zusammenzustellen. Er enthielt 21 Bücher, wobei auch ein Brief als Buch zählte. Darunter das "Petrusevangelium", das offenbar bei den ersten Christen sehr beliebt war, denn es wurde oft zitiert. Wann genau der heutige Kanon des Neuen Testaments festgelegt wurde, wissen wir nicht. Nur so viel, dass der Kirchenvater Athanasius im Jahr 367 in einem Brief darauf hinweist, dass die nun 27 Bücher des Kanons endgültig feststünden. Er nannte sie "die Quellen des Heils, auf dass sich der Dürstende an ihnen mehr als genug labe" - und mahnte: "In ihnen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet. Niemand soll ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen entfernen."

Er wusste, worüber er sprach, denn inzwischen waren zahllose christliche Sekten entstanden, die ihre eigenen Evangelien herausgaben oder aus den vorhandenen Schriften genau das aussuchten, was ihnen passte. Etwa die Ebionäer (abgeleitet vom hebräischen Wort für "arm"). Sie lehrten, dass Jesu Aufgabe lediglich darin bestand, das jüdische Gesetz zu vollenden. Er sei gekommen, um den Opferkult im Tempel abzuschaffen und die Menschheit zu Vegetariern umzuerziehen.

Oder die Karpokratianer. Der Kirchenvater Klemens von Alexandrien berichtete Ende des 2. Jahrhunderts über sie und behauptete, diese Sekte führe im Namen des Christentums ein zügelloses Dasein. Und wetterte: Diese Karpokratianer hätten das "Geheime Markusevangelium" verfälscht, um ihre Ausschweifungen zu rechtfertigen. Er, Klemens, besitze jedoch das echte "Geheime Markusevangelium" - und zitierte daraus ausführlich in seinem Brief. Was er da zitierte, ist auf den ersten Blick allerdings irritierend.

Es wird erzählt, wie Jesus mit seinen Jüngern nach Bethanien kam und von einer jungen Frau, deren Bruder gerade gestorben war, um Hilfe gebeten wurde. Jesus ging zum Grab und fand dort einen "toten Jüngling", den er wieder zum Leben erweckte. Nun heißt es: "Der Jüngling aber blickte ihn an und gewann ihn lieb." Er lud Jesus ein, bei ihm zu wohnen. "Und nach sechs Tagen gab ihm Jesus Anweisungen, und als es Abend geworden war, kam der Jüngling zu ihm, bekleidet mit einem Leinengewand auf dem nackten Körper, und blieb bei ihm jene Nacht. Es lehrte ihn nämlich Jesus das Geheimnis der Königsherrschaft Gottes."


Jesus     Jesus



Es wurde oft versucht, aus diesen Worten eine homosexuelle Beziehung herauszulesen. Der amerikanische Wissenschaftler Marvin W. Meyer widerspricht dem. Er sieht in dem Jüngling einen symbolischen Jedermann, der auch im offiziellen Markusevangelium in verschiedenen Rollen auftritt - als reicher junger Mann (Kapitel 10), der nicht bereit ist, sein Vermögen den Armen zu schenken und Jesus zu folgen; oder als der junge Mann (Kapitel 14), der bei der Gefangennahme Jesu nackt flieht. Die Nacktheit, so Marvin W. Meyer, sei nicht sexuell zu deuten; sie weise lediglich auf "nackte Ehrlichkeit" hin.

Was noch im "Geheimen Markusevangelium" berichtet wurde - und warum es als geheim bezeichnet wurde -, werden wir wohl nie erfahren. Es sei denn, der vollständige Text taucht doch irgendwann mal auf.

Unmöglich ist es nicht. Dies zeigte sich am Beispiel des "Thomasevangeliums" (nicht zu verwechseln mit dem "Kindheitsevangelium des Thomas"). Die Überraschung war groß, als 1946 in Ägypten, etwa 100 Kilometer nördlich von Luxor, ein Tonkrug entdeckt wurde, der 13 Papyrusbücher mit insgesamt 1153 Seiten enthielt - das meiste davon gnostischen Inhalts. Die Gnostiker - eine mystische Sekte, die das irdische Leben als grundsätzlich sündhaft betrachtete - behaupteten, Jesus hätte nur scheinbar einen menschlichen Körper gehabt. Da sie die Menschwerdung Jesu in Zweifel zogen, wurden sie von der etablierten Kirche heftig bekämpft.

Unter den gefundenen Schriften entdeckte man nun das "Thomasevangelium", das bis dahin nur als Fragment existierte. Es ist eine Sammlung von 114 Jesus-Sprüchen, wovon die Hälfte bereits aus den kanonischen Evangelien in ähnlicher Form bekannt war. Jetzt fand man völlig neue Aussprüche, und die Frage tauchte auf, ob das vielleicht echte Zitate Jesu waren.

Immerhin hatten die Experten lange über die Existenz einer Spruchsammlung mit dem Namen "Q" (für "Quelle") spekuliert, aus der die kanonischen Evangelisten angeblich geschöpft hatten. Das "Thomasevangelium", so die Wissenschaftler, sei zwar nicht mit "Q" identisch, doch man war sich bald sicher, dass es sich ebenso wie die Evangelien, auf "Q" stützte.

Hier einige Beispiele dieser unbekannten Sprüche: "Wer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, soll auf die Welt verzichten." Oder: "Selig ist der Mensch, der gelitten hat. Er hat das Leben gefunden." Oder: "Wenn ihr nicht fastet in Bezug auf die Welt, werdet ihr das Königreich nicht finden. Wenn ihr den Sabbat nicht zum Sabbat macht, werdet ihr den Vater nicht sehen."

Das "Thomasevangelium" ist auch heute noch eine lohnende Lektüre. Aber es hat keine Chance, in den Kanon der Evangelien aufgenommen zu werden. Es bleibt eines von vielen Apokryphen, über die längst ein vernichtendes Urteil gesprochen wurde. Ende des 5. Jh. erklärte Papst Gelasius I. zu den apokryphen Texten: Sie sind "nicht nur verworfen, sondern von der ganzen Römischen Katholischen Kirche verbannt und mitsamt seinen Urhebern und den Anhängern der Urheber in Ewigkeit unter dem unlösbaren Band des Kirchenbanns verurteilt".

Verurteilt und verbannt auch das "Petrusevangelium", das noch im ersten Kanon ("canon muratori") Bestand hatte und nach Meinung einiger Wisschenschaftler so alt sein könnte wie die offiziellen Evangelien. Noch im 8. Jh. wurde es gelesen, bevor es spurlos verschwand. Erst 1886 entdeckten französische Archäologen ein Fragment davon in Oberägypten im Grab eines Mönchs aus dem frühen Mittelalter.


Die Bibel berichtet, dass Jesus von Judas verraten wurde und Soldaten ihn gefangen nahmen. In den Apokryphen 'Pilatusakten' ist von einem Verrat keine Rede. Ein Bote kommt zu Jesus und bittet ihn höflich, vor dem römischen Statthalter Pilatus zu erscheinen.     Auferstehung Jesu



Warum wurde es verboten? Ist es der letzte Augenblick, der letzte Aufschrei des gepeinigten Jesus am Kreuz? Da ist kein Gott wie bei Markus und Matthäus ("Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", da ist keine Ergebung ins Schicksal wie bei Lukas ("Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!") und kein Triumph wie bei Johannes ("Es ist vollbracht!") - da ist nur ein einsamer und gequälter Mensch, der in höchster Verzweiflung schreit: "Meine Kraft, meine Kraft! Warum hast du mich verlassen?"

War dieser Jesus zu menschlich?

Die Verbannung der Apokryphen hatte sicherlich ihre Berechtigung - um Irrungen und Verwirrungen der Gläubigen zu vermeiden. Und um Ordnung der Gedanken und Werte zu schaffen. Vieles, was dabei verloren ging, war nichts als frommer Unsinn. Und es ist nicht schade drum. Vieles jedoch wäre es wert gewesen, erhalten zu werden. Aber das Urteil ist gesprochen - auf ewig!

Schaut man allerdings genauer hin, dann zeigt sich, dass die Apokryphen noch immer aus ihrer Verbannung zu uns sprechen - und ihre Wirkung haben. Sogar bei der Verkündigung von Dogmen. Dass Maria in den Himmel aufgefahren ist, darüber steht im Neuen Testament nichts geschrieben. Berichtet wird es aber im apokryphen Text "Transitus Mariae" ("Die Himmelfahrt Marias") aus dem 4. Jahrhundert. In der koptischen Übersetzung ist zu lesen, dass Maria am 16. Mesore, d.h. im August, in dem Himmel aufgenommen wurde. Heute feiern wir "Maria Himmelfahrt" am 15. August. Als Papst Pius XII. 1950 das Dogma verkündete, erwähnte er freilich diese apokryphe Schrift mit keinem Wort.

Oder Paulus. Dass er in Rom enthauptet wurde und so zum Märtyrer geworden ist - im Neuen Testament findet man keine Silbe darüber. Der Glaube, dass es so gewesen ist stützt sich auf die verbannte apokryphe "Paulusakte"; in ihr wird von seinem Tod berichtet.

Oder Petrus. Spätestens seit dem Hollywood-Film "Quo vadis" kennt jeder die Geschichte, wie der Apostel Petrus sich Kaiser Neros Christenverfolgung entziehen will und aus Rom flieht. Doch vor den Toren der Stadt erscheint ihm Jesus, und Petrus fragt ihn erstaunt:
"Quo vadis, domine?" ("Wohin gehst du, Herr?").
Und Jesus antwortet: "Ich gehe nach Rom, um dort gekreuzigt zu werden."
Nun erkennt Petrus seine Feigheit und kehrt zutiefst beschämt nach Rom zurück - und wird zum Märtyrer: Man kreuzigt ihn mit dem Kopf nach untern.

Eine bewegende Geschichte, über die das Neue Testament jedoch nichts weiß. Dort ist nicht einmal erwähnt, dass Petrus jemals in Rom gewesen ist. Das ist nur zu lesen in der apokryphen "Petrusakte". Und doch wird in Rom das Grab des Petrus gezeigt; darüber erhebt sich der Petersdom, die größte Kirche der Christenheit.

Wenn man so will, ist der Petersdom das Stein gewordenen Apokryph.


Petersdom



Erschienen im P.M.-Magazin: Ausgabe 12/2001
© bei GRUNER + JAHR AG & CO

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung vom Gruner + Jahr AG & Co Verlag
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